Das Ego und der Imperfekt
Nicht mehr gemessen werden zu wollen schafft Maßlosigkeit
Ich halte die Zuflucht zum Alkohol für ein transgenerationales Phänomen. Was einem da an Bewältigungsstrategien vorgelebt wurde, ist eine lange Geschichte von Fremdängsten und Tabus. Die werden Perle für Perle an einer Schnur aufgereiht, bis man um den Preis des Überlebens irgendeine Lösung finden muss. Viel Auswahl hat man dabei leider nicht. Also tut man, was die tun, die man liebt. Da aber Kinder hellsichtig sind, wissen sie, dass es eine Fahrt in den Untergang ist.
Lemmingmäßig. Und dann entsteht im Kopf die Dissonanz, und im Herzen die Wut. Man kann aber schlecht wütend sein, auf die die man liebt, weil man abhängig ist: Vom materiellen Überleben, bis hin zum Wahrnehmungsraum.
Erziehung als institutionalisiertes Stockholm-Syndrom. Du sollst Vater und Mutter ehren. Du sollst nicht fühlen. Du sollst brav sein. Das ist kulturell so verwurzelt wie ein Kreuzzug. Man kann sich nicht gegen diesen Raum stemmen. Glücklich, wer abergläubisch ist, unglücklich, wer das als Zwang, als Vergewaltigung erlebt.
Wie mag sich Galileo GalileiI gefühlt haben, als er, um Leib und Leben fürchtend, seinen inneren Überzeugungen und seinem (Ge)Wissen abgeschworen hat?
Ich war immer überrascht früher, wie sich über 40-50-jährige noch an ihren Eltern abarbeiten können, dem Raum nicht entwachsen. Kinder sind da schon eine Ablenkung, die die meisten Energien bindet, aber das Problem liegt ja viel tiefer.
Die Seele hat kein Alter.
Nehmen wir mal an, ich wäre eine Philosophin. Ich hätte zwar noch geschafft, das Fach zu studieren, aber, da man eh mittellos damit wird, kein offensichtlicher Bedarf dafür besteht, und Über-den-Tellerrand-Gucker auch kein nennenswertes soziales Umfeld haben in dieser Kultur, schlummert mein Wesen Jahrzehnte vor sich hin.
Ich trinke, um die Diskrepanz zu überbrücken. Und dann sagt mir eine Riege selbsternannter Sucht-Therapeuten, mein Problem sei der Alkohol. Da lacht ja sogar meine Katze.
Im intrapsychischen Raum hat der Kampf nie aufgehört. Grenzen nach außen sichern, innere Tabus aufrechterhalten.
Autonomie ist sehr gefährlich. Eine Grundtraumatisierung, auf die sich Stück für Stück ähnliches Erleben anhäuft , wie ein komischer Pilz, wo sich die gleichen Gesellen einfinden, weil alle Rezeptoren auf Empfang geschaltet sind.
Jedes Nein in sozialen Beziehungen, in der Partnerschaft, in der Arbeit evoziert die alte Kinderangst. Frisch verliebt- super: Oxytozin und Schmetterlinge ringen den Chemiecocktail zeitweilig zu Boden: Hoffnung!! Und danach wieder die Leere, die kognitive Dissonanz, wenn man nicht aus sich selbst heraus fühlen und handeln kann.
Diesen Raum verschafft man sich im Rausch. Das ist wie ein hysterischer Anfall, wenn sich ein Kind zu Boden schmeißt, um genau das zu bekommen, was es braucht, ohne zu wissen, was das Gebrauchte eigentlich ist. Das mindert aber nicht den Wert des Wunsches.
Damals hatten die Frauen es leichter: Korsett schnüren und in Ohnmacht fallen. Nicht mal das ist uns geblieben^^
Ok, arme Anne Boleyn
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früher war auch nicht alles besser.
Zurück zum Thema.
Wenn man dann, in einem Zustand hochgradiger Verletzlichkeit, den Alkohol als einen Eckpfeiler der Selbstverleugnung, als Abhängigkeit lösen möchte, um frei zu werden, tauchen diese Schwachmatiker auf, und wollen Dich resozialisieren. Wer da nicht bei drei auf dem Baum ist, hat den Gong nicht gehört.
Gut, die AA haben wenigstens noch eine Ersatzreligion an Bord. Der Rest ist ein Relikt protestantischer Ethik. Und wenn Dir das nicht passt, Du nicht abschwörst, wird von Kalter Dusche bis zur Lobotomie alles gemacht. Wissenschaftlich korrekt. Herzebene gleich Null. Widerstand ist Teil der Symptomatik. Hier kommst Du nicht raus.
Möchte ich mein Kind in so eine Schule schicken?. Gebe ich dort meine Katze zur Betreuung ab? Da würde ich nicht mal meinen Teddy zwischenparken. Und mit sich selbst soll man so lieblos umgehen müssen.
Das an alle, die spüren, dass gut aussehen und sich gut zu fühlen zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. Macht mir nix mehr, wenn ich noch zwanzig Jahre brauche, um die Promille-Stützräder abzuwerfen.
Ich habe einen neuen Maßstab für meinen "Fortschritt" entwickelt: Bindet es mich an mein Ego, ist es eine Identifikation? Dann fort damit.
Weitet es mein Herz und lässt mich in der Tiefe empfinden? Lässt es mich perspektivisch in Frieden sterben? Dann ist es richtig
Conny