Wein aus Südafrika - bitter im Abgang
Verfasst: 23. Juli 2014, 23:18
Auf den Weingütern von Western Cape ist die alte Ordnung bis heute aufrecht. Weiße Gutsherren halten die schwarzen Arbeiterinnen und Arbeiter wie Sklaven, die Rechte des neuen Südafrika werden ihnen verwehrt.
Weine aus Übersee erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Sie wurden an den europäischen Geschmack angepasst und sind zum Großteil von guter Qualität – und das zu Preisen, zu denen man inländischen Wein oft nur im Tetrapak erhalten kann: 2,99 Euro für eine Bouteille sind keine Seltenheit.
Arbeit kein Honiglecken
Die Arbeit (zumindest gilt dies für Saisonarbeiter) ist auch hierzulande alles andere als ein Honiglecken, in den Übersee-Gebieten herrschen jedoch wohl noch viel ärgere Zustände. Besonders schlimm ist die Situation in Südafrika, wo schwarze Arbeitskräfte in einer modernen Form der Sklaverei gehalten werden. Ein Reporterteam der dänischen Verbraucherorganisation Forbrugerradet hat sich kürzlich vor Ort ein Bild über die Lebensumstände der dort arbeitenden Menschen gemacht.
Achtgrößter Weinproduzent
Western Cape oder Westkap heißt die Region rund um Kapstadt, wo der Großteil des südafrikanischen Weines angebaut wird. Seit dem Ende der Apartheid wurde die Weinproduktion stark forciert, Südafrika ist heute der achtgrößte Weinhersteller. Die Exporte stiegen seit 1992 von 11 Millionen Liter auf über 300 Millionen Liter im Jahr 2007. Der Wein wird hauptsächlich in Containern exportiert und erst im Bestimmungsland in Flaschen abgefüllt. Entsprechend groß ist der Preisdruck für diese Weine.
Tourismus im Weinberg
Das Anbaugebiet ist landschaftlich sehr reizvoll und wird daher auch für touristische Zwecke stark genutzt. In Reisekatalogen werden luxuriöse Unterkünfte auf Weingütern angeboten, mit Pool, Golfplatz und exquisiten Restaurants.
85 Euro Monatslohn
Nutznießer des wirtschaftlichen Aufschwungs ist die weiße Bevölkerung, während sich für die Masse der Schwarzen wenig geändert hat. Die Landarbeiter besitzen selber keinen Grund, sie leben in Elendsbehausungen, müssen schon in jungen Jahren hart arbeiten, für eine halbwegs reguläre Schulausbildung bleibt wenig Zeit. Der Mindestlohn beträgt 1.090 Rand im Monat, umgerechnet rund 85 Euro. Das ist zu wenig, um sich mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Nach Einschätzung von Landarbeiterorganisationen wären 200 Euro nötig, um die monatlichen Ausgaben zu decken. Doch viele Weingüter zahlen ihren Arbeitern noch weniger als die gesetzlichen 85 Euro, in Extremfällen nicht einmal 10 Euro.
Alkoholismus als Erbe der Apartheid
Früher wurden die Arbeiter teilweise in Wein entlohnt, was dazu führte, dass viele alkoholsüchtig wurden. Die Folge davon waren nicht nur häusliche Gewalt, sondern auch Erbschäden. Südafrika ist das Land mit der größten Zahl an Kindern mit einer alkoholbedingten Behinderung: Gehirnschäden, Organschäden und Kleinwüchsigkeit. Wein als Lohnersatz ist zwar heute verboten, aber das Problem Alkoholismus ist nicht kleiner geworden. Darüber hinaus ist Südafrika eines der Länder mit der höchsten Rate an HIV-Positiven. Eine US-Studie aus dem Jahr 2003 kam zu dem Ergebnis, dass bis zum Jahr 2015 ein Viertel der Landarbeiter an Aids gestorben sein wird.
Frauen kosten weniger Lohn
Alkoholismus und Aids haben zur Folge, dass viele Männer als Arbeitskräfte ausfallen und von Frauen ersetzt werden, die die gleiche Arbeit um einen geringeren Lohn verrichten. Viele Frauen leben allein oder zusammen mit einem alkoholkranken Mann. Studien bestätigen, dass die sexuelle Gewalt zunimmt und sich immer öfter gegen Kinder richtet. Dazu kommt eine wachsende Verschuldung, weil findige Lokalbesitzer Wein an die Arbeiter verteilen und erst später abkassieren. Können sie dann nicht bezahlen, werden ihnen Zinsen von 50 Prozent aufgebrummt.
Elend für viele unverändert groß
15 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist das Elend für viele Menschen auf dem Land unverändert groß. „Dass Mandela freigelassen wurde und die Demokratie Einzug gehalten hat, hat ihr Leben nicht fundamental verändert“, zieht Bawsi-Präsident Nosey Pieterse eine resignierende Bilanz (2009).