eine kurze Vorstellung meinerseits. Ich bin Ende 30, Familienvater, berufstätig, keine (erheblichen) finanziellen, gesundheitlichen, beruflichen oder Führerscheinsorgen, dennoch, ich trinke seit Jahren zu viel. Die Gründe vermute ich einerseits in einem problematischen Verhältnis zu meinem Vater (wenig Interesse und Anerkennung, keine Abneigung, aber auch keine unbedingte Liebe, wie ich sie zu meinen Kindern empfinde) und diffusen Ängsten. Angst vor Verantwortung, Veränderung, finanziellen Wagnisse wie ein Hauskauf, gesellschaftlichen Terminen, wo man auf fremde oder unsympathische Menschen zugehen muss... diese Gefühle steigern sich manchmal bis zur Panik und diese habe ich jahrelang mit Alkohol bekämpft. Bis auf einige Ausfälle im privaten Bereich, wo dann getuschelt wurde, wie voll ich doch gewesen bin, oder meine Frau mit mir geschimpft hat bzw. traurig war, habe ich es bislang geschafft, das Problem irgendwie zu managen - ich sage bewusst nicht: zu kontrollieren. Ich bemühe mich, möglichst wenige Trinkanlässe pro Woche zu haben (in der Regel 3-4, manchmal auch weniger) und die Trinkmengen pro Anlass habe ich über die letzten paar Monate auch im Großen und Ganzen erheblich reduziert. Tagsüber trinke ich allenfalls am Wochenende beim Basteln und nie bei der Arbeit, auch trinke ich nicht am Abend vor der Arbeit so, dass ich am nächsten Morgen fahruntüchtig oder verkatert auf der Arbeit wäre. Das soll keineswegs mein Problem und den Leidensdruck verharmlosen und scheint mir nach der Lektüre hier im Forum auch keine Seltenheit zu sein, die Leute hier scheinen sehr oft ebenfalls "funktionierende Alkoholiker" zu sein. Probleme bereitet es mir vor allem, auf Veranstaltungen wie Hochzeiten, Geburtstagen etc. standhaft zu bleiben. Ich kann nicht weg, wenn ich das möchte, diese Veranstaltungen dauern ewig und sind langweilig, es wird erwartet, dass alle irgendwie gut drauf sind etc. pp. - ich würde da oft am Liebsten weglaufen, mich ins Auto setzen, etwas im Haushalt basteln, irgendwas Sinnvolles eben. Geht nicht, daher schaffe ich es dann nicht immer, ein für einen Erwachsenen Mann "normales Maß" zu halten. Von drei solchen Events in den letzten drei Monaten ist es mir zwei Mal gelungen, mich unauffällig zu verhalten und maßvoll zu trinken, ein Mal habe ich mehr getrunken, als ich wollte. Und vor allem das stinkt mir. Diese Anspannung, die sich in eine Panik steigert, den Fluchtinstinkt adressiert und der ich dann letztendlich nachgebe und mich betrinke und blamiere (wovor ich ja im Wesentlichen gerade Panik habe - es ist eine unheilige Spirale). Mir ist auch bewusst, dass auch mein sonstiger Konsum zu hoch und keineswegs "normal" ist, es fehlt oft nicht viel zum "richtig besoffen sein". Aber derzeit denke ich, es ist immer noch besser als keine Konsumreduktion, und ich mache zumindest keinen Blödsinn, der mich Ehe, Job oder Führerschein kosten könnte. "Nur" meine Gesundheit...
Ein Paradoxon ist, dass, seit ich mich intensiv mit meinem Alkoholproblem auseinandersetze, ich öfter an Alkohol denken muss, obwohl ich im Schnitt deutlich weniger trinke (vielleicht, weil der Kopf vorher immer schon wusste, dass er abends schon seinen Alkohol bekommt). Körperliche Entzugserscheinungen habe ich (noch) nicht, auch wenn ich mal zwei Wochen überhaupt nicht trinke. Aber beim Letzten Mal, wo ich bewusst zwei Wochen abstinent geblieben bin, hatte ich eines abends plötzlich etwas, was wohl der Definition hier von "physischem Craving" entspricht. Ich war allein, Frau und Kind waren einige Tage verreist, und ich hatte eine völlig unbegründete Panikattacke. Für etwa 5-10 Minuten spürte ich einen starken Drang (nicht: Wunsch), Alkohol zu trinken. Das mag auch wiederum psychosomatisch sein, Hypochondrie liegt bei uns in der Familie, und ich habe ansonsten eher das, was ich als Trinksehnsucht oder Trinkwunsch aus Gewohnheit beschreiben würde, aber es hat mir Angst gemacht. Das Gefühl war so schnell und nachhaltig wieder weg, wie es gekommen war, ich habe nichts getrunken und noch weitere 5 Tage danach keinen Tropfen angerührt und auch kein Craving mehr gehabt, aber es war eben unangenehm und beängstigend. So bin ich auf Baclofen und dieses Forum gestoßen. Einen Arzt, der mir Baclofen verschreiben würde, habe ich denke ich im Familienkreis. Ob ich mich ihm offenbaren sollte, weiß ich noch nicht. Derzeit arbeite ich mit Magnesium und B-Vitaminen, zwei kleinen Baldriantabletten und CBD-Öl. Das funktioniert bei mir schon ganz gut, um diese Grundentspannung, die hier immer beschrieben wird zu erreichen. Die Hauptwirkung schiebe ich persönlich auf das CBD. Ich denke, dass Baclofen für mich einen Versuch wert ist, denn Baclofen als auch CBD scheinen mir sehr ähnlich zu wirken. Beide haben eine (gewisse) angstlösende Wirkung, beide sorgen für eine Entspannung, ohne zu stark zu sedieren oder psychoaktiv zu wirken, und beide wirken am Belohnungszentrum. Über den Tag verteilt einige Tropfen 5%, und ich fühle mich konzentrierter und leistungsfähiger und bilde mir ein, dass es mir leichter fällt, auf Alkohol zu verzichten - ich habe Bac wie gesagt noch nicht probiert, aber die Berichte hier klingen sehr ähnlich zu dem, was ich selbst durch meinen "Cocktail" erlebe. Aber so ganz happy bin ich noch nicht, insbesondere wirkt mein "Cocktail" eher sanft, für den Alltag zum Runterkommen bzw. Entspannen. Vergleichbar mit einem (aber halt auch nur einem) Glas Rotwein, jedenfalls zu Zeiten, als ich Rotwein noch im Urlaub zum Genuss konsumiert habe. Bei starker Belastung (wie etwa einem neuerlichen Craving, wie oben beschrieben) bräuchte ich sicher etwas mit mehr "Bums", weshalb ich wie gesagt demnächst Baclofen zumindest mal (natürlich unter ärztlicher Aufsicht) ausprobieren werde. Über kurz oder lang ist (weitgehende) Abstinenz mein Ziel.
So, das ist jetzt für eine "kurze Vorstellung" sehr lang geworden, und mir fallen sicher noch mehr Dinge ein, die ich mir von der Leber (höhö) schreiben möchte, aber das soll's jetzt für den Einstieg gewesen sein. Ich werde mir weiter fleißig Wissen anlesen für das Gespräch mit dem Arzt, welches wohl Anfang August ansteht.
Liebe Grüße und toll, dass Ihr Euch so reinhängt, anderen zu helfen.
