ich antworte Dir hier an dieser Stelle auf , da ich denke, das diese unmittelbar zusammen gehören. Du hast diesen Beitrag kurz nach dem Eintrag in meinem Tagebuch geschrieben, daher gehe ich davon aus, dass Dich das zum Nachdenken angeregt und Dich leider auch depremiert hat. Das tut mir sehr leid und ich möchte versuchen, Dich nach der Wahrheit ein wenig aufzubauen, zumal ich glaube, aus Deinem Betrag auch ein bisschen Heimweh und Einsamkeit heraus zu lesen.
8 Jahre Abstinenz:
Es sei gesagt, das diese Zeit ein permanenter Kampf war und das wird es auch immer für jeden sein (deshalb setze ich große Hoffnung in Baclofen), da der Alkohol nie gleichgültig wird. Zudem ist und bleibt es ein massives soziales Problem zu viel zu trinken oder gar nichts, denn die Umwelt macht es einem nicht gerade leichter, abstinent zu bleiben. In diesen 8 Jahren habe ich immer wieder Reaktionen auf meine Alkoholablehnung bekommen, welche es mir nur noch schwerer machten: "Wie, Du trinkst nix, hast Du ein Alkproblem?", "Trink doch mal was mit, Du bist immer so unlocker.", "Versuchs doch wenigsten mal, das geht schon."! Selbst die eigene Partnerin kam mir mit solchen Sprüchen, obwohl sie detailiert über mein Problem informiert war. (Ich habe mir damals die Leute sehr genau ausgesucht, denen ich die Wahrheit erzählt habe, da sehr viele, vor allem Betroffene, nicht damit umgehen können.)
Nach stationärer Entgiftung und 1/4-jähriger stationärer Therapie, während der ich Dinge erlebt habe, die ich keinem wünsche, zu sehen - Menschen, die Rasierwasser trinken - die aus der Klinik abhauen nachdem sie die komplette Weihnachtskasse geplündert haben - Menschen mit urplötzlich auftretender Epilepsie oder Krampfadern in der Speiseröhre, ging ich zu den AA´s und war dort nach kurzer Zeit dafür zuständig, aktuell Abhängigen die Angst vor einer Therapie zu nehmen, um diesen Schritt endlich zu gehen. Irgendwann überwarf ich mich mit den "alten Hasen" bezüglich der Ansichten zu einer erfolgreichen Therapie. Auch konnten diese nicht akzeptieren, dass ein Jungspund wie ich es damals war, über derartige Erfahrungen reden und sogar Schlüsse daraus ziehen kann. Das war so ziemlich der erste Stein, der mir damals aus den eigenen Reihen in den Weg gelegt wurde.
Also verabschiedete ich mich von den AA´s mit der Premisse es dann wohl doch alleine schaffen zu müssen, anstatt mich nach einer zu mir passenden Gruppe um zu sehen. Ein aus mir selbst resultierender Fehler. Ich fühlte mich damals so stark und geläutert, dass ich wirklich glaubte, das mein Leben lang so durchziehen zu können. Natürlich halfen mir die Horrorbilder aus Entzug und Therapie. Ich fing an, mich mental auf eine überhebliche Weise von anderen Alkoholikern abzugrenzen. Die sind die Schwachen und Du bist der Starke. Also bekam ich mein Leben wirklich in den Griff, ich holte das Abi nach, wechselte den Beruf (welchen ich zum Glück noch heute erfolgreich ausübe) und hielt 8 Jahre stand. Währenddessen hatte ich sogar eine 7-jährige Beziehung (das Längste bis dato). Ich habe mich in dieser Zeit erstmals wirklich weiter entwickelt und begonnen, mich selbst und meinen Weg zu hinterfragen, und nicht wie vorher mich stetig treiben zu lassen. Ich nahm nun Veränderungen aktiv in Angriff und bin dadurch wirklich gereift. Vielleicht gerade, weil der Kampf mein ständiger Begleiter war.
Ich bin mir mittlerweile auch sicher, das diese genannten Umstände mein späteres Trinkverhalten positiv beeinflussten.
Der Rückfall:
Wenn ich heute resümiere, wie es damals dazu kam, fällt mir nur der Begriff "schleichend" ein. Nach 8 Jahren Abstinenz ohne weitere Hilfe und Erinnerungsanstöße durch Betroffene, entstand bei mir die Überzeugung, "dass ich damals für ein Alkoholproblem viel zu jung, zu unreif war. Ich konnte damals einfach nicht damit umgehen." Meine 7-jährige Beziehung war beendet, da ich eine andere, jüngere Frau kennengelernt hatte (12 Jahre jünger), was mich natürlich noch mehr beflügelte (abheben ließ) und dazu führte, das ich permanent in jüngeren Kreisen unterwegs war. Irgendwann war es dann so weit. Viele nette Freunde, super Chancen bei den Frauen, Erfolg im Beruf - eines Abends in der Disko entdeckte ich einen stylischen Becks-Kühlschrank und bekundete meinen Freunden, das ich zur Feier des Tages mal eins probieren würde. So mir nichts, Dir nichts. Es hat beschissen geschmeckt, aber ich fühlte mich cool, entspannt, locker drauf. So auch das Feedback meiner Mädels (beachte den Wunsch nach Bestätigung), mit denen ich mich gerne umgab: "Du solltest öfter was trinken."
Der Anfang vom Ende:
"Schleichend" deshalb, weil es dummerweise über Jahre so funktioniert hat. Ich kam ewig mit 1-2 Bieren nur bei Feierlichkeiten aus. Also war ich nun vollends überzeugt, kein Alkoholiker zu sein. Nur wurden nach ein paar Jahren die Anlässe immer häufiger, ich fing wieder an, auch unter der Woche oft weg zu gehen. Dann wurden es auch mal 3-4 Bier. Wie es dann zum regelmäßigen Mißbrauch kam ist klar, ich belog mich einfach selber (und unser Schlag Mensch ist Meister darin) und war innerhalb eines Jahres beim abendlichen Sixpack. Irgendwann arteten dann die Feierlichkeiten in Besäufnisse aus, weil der Sixpack-Rausch ja nichts mehr Außergewöhnliches war. Und dann ging das wieder los, was mir heute und auch zwischendurch immer wieder half, es sein zu lassen.
Die Wesensveränderung
Irgendwo tief in mir drin schlummert etwas, ein Monster, etwas so abgrundtief Böses, das ich nur als Gegenteil meines nüchternen Charakters bezeichnen kann. Dieses Monster war mir bereits aus meiner Jugend wohlbekannt. Jedoch dachte ich, es wäre weg. Es kommt immer dann, wenn ich meinen Alkoholpegel nach langen und schweren Trinkphasen ins Unendliche gesteigert hatte. Wie ein Schalter der umgelegt wurde. Alle Aussagen im Umfeld, jede Reaktion wurden zum Angriff gegen mich. Plötzliche Anfälle von Selbstzweifeln, die ich sofort ausräumen mußte, grundlose Eifersucht, maßlose Selbstüberschätzung ließen die Gewalt aus mir ausbrechen. Ich, der im nüchternen Zusand sehr bedächtig und kalkuliert vorgeht, verlor komplett die Kontrolle. Ich prügelte mich, ich verprügelte Leute, ich benahm mich daneben und das nicht immer im Blackout.
Und diese Wesensveränderung, oder das Monsterventil, waren immer das Ende meiner Trinkphasen für eine kurze, oder in unseren Kreisen längere, Zeit. Die Angst vor mir selbst half mir, Trinkstops einzulegen. Und das ist bis heute so.
Vielleicht verstehst Du jetzt, warum ich es immer wieder schaffte, eine Zeit lang davon ab zu lassen, aber es wurde immer schwerer. Ich habe viele Menschen psychisch und auch physisch verletzt und viele gute Freunde verloren, aber ein paar sind geblieben und das zeigt mir, dass es sich lohnt, nüchtern zu bleiben. Denn die sind sicher nicht geblieben, weil ich ein gnadenloser Partycrasher bin, sondern weil in jedem von uns sehr viel Gutes steckt, vielleicht sogar zu viel. Wir können eben selten mal NEIN sagen.
Ich bin gerade dabei zu lernen, das ein Rückfall nicht das Ende ist, das ein Rückfall auch nicht bedeutet, das Du schwach bist, denn das lese ich bei Dir heraus. Alkoholismus ist eine medizinisch, jedoch nicht gesellschaftlich, anerkannte Krankheit. Wir sind eben Menschen, welche mehr geprüft werden als andere. Wir sind Menschen mit viel tiefschüfenderen, grenzwertigen Erfahrungen und Gefühlen, wir kennen uns besser als jeder "Ungeprüfte" und wir sind wertvoll. Wir sind, wie Du hier im Forum siehst, eine der seltenen Spezies, welche sich in Zeiten wie diesen noch gegenseitig helfen. Wir sind die Versuchsgruppen nachfolgender Generationen angehender Alkoholiker. Wir grübeln dort, wo andere niemals hinkommen. Mein Credo ist: "Dummheit frißt, Intelligenz säuft." (Was ich NICHT mit Bulimie bzw. Adipositas gleich setze) Es mag überheblich anmuten, aber es steckt viel Wahrheit drin. Allein die Tatsache, dass wir hier in diesem Forum sind, zeigt doch, wie intelligent jeder von uns ist: Das Problem zu erkennen und auch noch zu formulieren, ist eine Leistung auf die man stolz sein kann. Egal ob trocken oder nass.
Führe Dir immer vor Augen, das nicht DU Schuld bist, sondern Deine spezielle Prädisposition zum Alkohol. Das ist der Dämon, nicht Du. Zweifle nicht an Dir selbst. Es ist ohne Zweifel schön, ein bisschen betrunken zu sein, aber dabei bleibt es eben nicht. Dafür sind wir nicht gemacht. Es WIRD besser, wenn man nüchtern bleibt. Und wenn Baclofen so funktioniert, wie Dr. Ameisen es interpretiert, dann wird es noch schöner, weil der Kampf beendet ist. Und wenn er nicht beendet ist, so sollte er doch wenigstens um Vieles leichter werden.
Nimm Dir Zeit, Du bist nur Dir selbst Rechenschaft schuldig. Du tust es für niemanden, nur für Dich selbst, was wiederum für Deine Nächsten auch gut ist. Aber in erster Linie tust Du Dir was Gutes. Das ist auch mein Lernprozess, auch wenn es schwer fällt und man Gründe suchen muß, ich versuche mich selber zu mögen. Und ich mag mich unter anderem, weil ich zeitweise mit Alkohol umgehen kann, ihn so einschätzen kann wie er ist: Ein Freund der Dich gnadenlos bis zur Selbstaufopferung ausnutzt.
Noch etwas, das ich versuchen will Dir mitzugeben, obwohl ich nicht das Recht dazu habe, weil ich noch nicht lange trocken bin. Mein erster Gedanke, bevor ich dieses Forum fand, war Folgender: Hör einfache auf unter der Woche zu trinken und trinke nur am Wochenende, wenn Du dann vor besagtem Wochenende stehst, dann entscheide selbst. Ich habe so das Trinken während dem Warten auf Baclofen immer weiter hinausgezogen und war mit jedem Tag stolzer auf mich ohne den Druck, ganz mit dem Trinken aufhören zu müssen. Nun, da ich soweit bin, war es sogar möglich, die Einnahme von Baclofen zu überdenken. Es war da, aber ich habe mir die Zeit genommen, darüber nachzudenken, ob und wann ich es beginne. Meine Entscheidung, es doch zu nehmen war gut.
Das hier sind also meine Regeln, ob sie mir oder Dir helfen, weiß ich nicht, aber ich hoffe es von Herzen:
1. Lerne NEIN zu sagen. (für mich die oberste Regel) NEIN zu Dingen zu sagen, die mir nicht gefallen erleichtert mir auch das NEIN zum Alkohol.
2. Nimm Dir Zeit für Dich und Deine Wünsche. (unmittelbar mit 1. verbunden)
3. Stelle Regeln auf.

4. Ein Rückfall ist nicht schlimm, solange es Dir als Rückfall bewußt ist.
5. Daraus folgt: Versuche, Dich nicht selber zu belügen.
6. Belohne Dich (Ich gönne mir gerne mal ein teures Parfüm)
7. Hab Dich lieb, erkenne und akzeptiere Deine Fehler.
Ich weiß wie Du, nicht, wie mein weiteres Leben aussehen wird. Ob ich es schaffe oder gar untergehe. Das haben wir alle gemein. Wir sind verdammt, für den Augenblick zu leben. Das Gute daran ist, wir können diese Augenblicke viel intensiver wahrnehmen, denn jeder Augenblick ist für uns eine Herausforderung. Schau, ich habe mir gerade die Zeit genommen, diesen Sermon zu schreiben, auch weil es mich erneut darüber nachdenken läßt, obwohl ich arbeiten müßte. Aber das ist genau das, was mir gut tut (und Dir hoffentlich auch, wenn Du es ließt).
Wir alle hier im Forum sind wie Du, Kämpfer mit mehr oder weniger Erfolg, aber nicht allein!
Von Herzen liebe Grüße nach Argentinien,
Dandelion