Hallo Ihr Lieben,
ich wollt nur schreiben, ich bin wieder da. Unter den Lebenden, meine ich.
Die vorvergangene Woche war so heftig, ich kann es gar nicht beschreiben. Ich meine, ich habe alles irgendwie hinbekommen, früh aufstehen, Kinder, kochen, sogar ein wenig arbeiten.
Alle hier schreiben immer so knapp und ich werde immer so persönlich. Ich offenbare im Netz meine Geschichte - irgendwie schäme ich mich dafür. Andererseits. Was solls. Brauche das. Wer es nicht lesen will, soll es lassen. Und sollte hier aufhören

Aber es kam alles auf mich herunter, was nur irgendwie herunterkommen konnte. Mein Mann mit 46 im Krankenhaus, schon wieder, und es war erst die
erste Hüft OP. Die Familie, die mir nur in den Arsch getreten hat und ich hatte keine Kraft, mich zu wehren, und alles nur, weil mein Mann keinen Besuch im KH haben wollte. Außer mir. Meine seit 4 Jahren pubertierende Tochter, die von Woche zu Woche ätzender und fordernder wird...
Freundin nicht ansprechbar, weil Vater gestorben, die andere in Griechenland, Bekannte kann und will ich nicht informieren...allein, eben. Und: Keine roten Stiefel da für Familie und Tochter

- und wenn ich welche gehabt hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen, sie entsprechend zu benutzen.
Alles war nur noch schwarz. Die Zukunft auch. Mein Mann ist seit 17 Jahren krank, wird wohl auch nie mehr wirklich gesund werden. Meine größere Tochter wird der Pubertät zwar mal entwachsen, dann aber steht die nächste ja vor der Tür und klopft an. Meine Eltern, so sehr sie mir grad auf die Nerven gehen, sind alt...
Beruflich kann ich nur versuchen, die Brotkrumen der XXXkrise aufzusammeln.
Es gibt also nichts mehr zu gewinnen, nur noch zu verlieren.
Also bin ich jeden Morgen aufgewacht und habe gedacht, so gehts nicht mehr. Und weiter gemacht.
Dazu gesagt: Ich hatte Baclofen so gut wie abgesetzt, nicht weil ich meinte, ich brauch es nicht mehr, sondern, weil es meiner Meinung nach in solchem Zustand nichts bringt, weiter höher zu dosieren. Und ja, ich habe es laaangsam heruntergefahren. Gut war das sicher nicht. Aber wirklich, glaubt mir, dann bringt es nichts. Wollte lieber wieder von vorne anfangen.
Am Montag also wachte ich wieder einmal auf und dachte: So geht es nicht mehr. Und ja, es ging auch anders!
Am Dienstag kam mein Mann nach Hause. Zuerst habe ich mich gewehrt gegen das Deja Vu von vor 5 Jahren, als er knapp der Querschnittslähmung entkommen ist. Habe ausssortiert, gerissen, geschuftet.
Aber jetzt? Ich weiß, das klingt blöd und nach einer fadenscheinigen Entschuldigung und wenn ich nicht die Veranlagung gehabt hätte, wäre es auch nicht passiert:
Aber ich weiß, warum ich Alkoholikerin geworden bin:
Du bist Mitte 20, hast dich gerade aus einer neunjährigen Beziehung gelöst (mit Mitte 20!), studierst, denkst, das Leben fängt jetzt nocheinmal ganz neu an. Du bist gut im Studium, klar, hast ja vorher gearbeitet, und weißt, ein guter Abschluss könnte deine Träume wahr werden lassen. Nicht, dass du großartige gehabt hättest. Wolltest nur einen anspruchsvolleren Job als in der XXX, auf jeden Fall jenseits der Kleinstadtgrenzen, beim superguten Abschluss vielleicht das Max Planck Institut, sowas eben - oder auch kleiner, kein Thema. Um dieses Studium zu finanzieren, jobbst du in einer damals recht angesagten Kneipe - an den Wochenenden, in besagter Kleinstadt. Lernst jemanden kennen. Verliebst dich. Toller Typ, so voller Elan, so voller Ideen, nach Amerika will er, da suchen sie deutsche XXXXXXXXX. Das erste Date am Strand, mit Picknickkorb und einer Flasche Sekt. Nach einem halben Jahr verlässt er dich, weil er seine Freiheit haben will. Er will weiter eine Ex Freundin daten, die ihm defininitv Avancen macht. Du leidest wie ein Hund, vor allem als du ihn in besagter Kneipe kurze Zeit später mit einer anderen, sehr viel schöneren Dame entdeckst. Du trinkst wie nichts gutes, denkst dir aber nichts dabei. Du trinkst auch nicht alleine, darauf würdest du nie kommen. Aber du lernst (d)eine Freundin kennen, gründest eine WG mit ihr, cool, vier Leute in einer Altbauwohnung, Party ohne Ende. Studieren, arbeiten geht trotzalledem wunderbar. Alles ist wieder denkbar. Dann kommt er zurückgekrochen. Merkt, dass es dir besser geht. Eine leidende Frau kann man ja treten. Eine mit Selbstbewusstsein ist natürlich attraktiver. Logisch. Du landest also im Bett. Mit ihm. Blöd nur, dass du während dieser Beziehungspause die Pille abgesetzt hattest und durch monatelang fehlende Regel nicht über mögliche Folgen nachgedacht hast.
Die "Folge"
![lol [lol]](https://forum-baclofen.com/images/smilies/lol.gif)
sitzt jetzt in XXXX, feiert (hoffentlich) ein wenig den letzten Tag ihrer letzten Kursfahrt vor dem Abi
Wie dem auch sei, inzwischen bist du 26 Jahre alt und der Streifen auf dem Test leuchtet blau als wäre er in Neon getränkt. Also denkst du: alles klar, kein Thema, ein Kind, wie schön, Babys sind ja auch so süß, trotzdem ist alles möglich. Was für ein Quatsch.
Möglich ist, dank deiner Eltern, das Studium abzuschließen und zwar, dank deines nun noch mehr angestachelten Ehrgeizes, es wirklich saugut abzuschließen. Aber: Was nützt es??? Du sitzt in einer Kleinstadt. Dein Lebenspartner hat inzwischen aus Vernunftsgründen einen XXXjob angenommen. Nichts ist mehr möglich. Gut, denkst du, versuche es anders. Bewirb dich, keine Chance. Du landest also in der Industrie, wie fast alle. Besser kannst du gar nicht ans Saufen kommen. Der Stress, das Überangebot. Zumindest damals war es so. Schlimmer als das ist aber, dass dein "Mann" schon sehr lange krank ist. Und du bist erst 28 Jahre alt! Ihm ist ständig übel, er hat Kopfschmerzen. Die Wochenenden verbringst du entweder allein mit Kind oder damit, ihm zuzhören, wie es ihm geht, woran das liegen könnte, während man sich ein Bier bzw. Wein nach dem anderen reinschaufelt.
Natürlich gibt es auch mal Hochs. Meistens aber begleitet vom nächsten Tief. Du selbst bist da noch RELATIV clean. Das wird mit der Zeit natürlich schlimmer. 7 Jahre geht das so. Dann entscheidet man sich für ein 2. Kind, doof, sicher, zu glauben, dadurch würde alles besser. Dann reicht natürlich die Mietwohnung nicht mehr, man kauft ein Haus, ein viel zu altes, viel zu großes, aber so wunderschön. Man denkt nicht an die Folgen. Die Arbeit. Oder warum man es vielleicht so günstig bekommen hat

Nächster Fehler. Nach dem zweiten Kind kannst du den Stress der Industrie nun wirklich nicht mehr aushalten, also kündigst du. Er, inzwischen dein Ehemann, bekommt Krebs.
Ok, geheilt.
Und dann stürzt dein Mann mit dem Fahrrad nachts nach einer Party eine zu hohe Bordsteinkante herab und kann sich nicht mehr bewegen.
Du selbst kommst von deinem Abi-Jubiläum, natürlich auch nicht nüchtern, und wunderst dich, dass er um 4 Uhr morgens noch nicht da ist. Bist auch ein wenig sauer, weil die Party von oben benannter sehr viel schöneren Dame veranstaltet wurde, also rufst du mal eben auf dem Handy an. Da rechnet doch kein Mensch damit, dass der Mann gelähmt im KH liegt.
Was machst du?
Rufst ein Taxi, fährst da betrunken hin, um ihm zur Seite zu stehen, und musst dir natürlich von den Krankenschwestern Sprüche anhören wie: Kein Wunder.
Das war 200X. Was bleibt dir übrig? Kummer ertränken. Dann aber berappelst du dich wieder, es nützt ja nix, dein Mann liegt inzwischen in einer Spezialklinik, da bekommen sie ihn auch wieder auf die Beine. Dann Reha. Urlaub abgesagt, in der Nähe mit den Kindern gezeltet, um bei ihm sein zu können. Aber er akzeptiert nicht, dass er nicht RICHTIG flüssig laufen kann, er kann laufen, aber nicht so wie andere. Badminton geht auch nicht mehr. Klage, ständig. Und du hörst es dir an. Tag für Tag. Dann fangen seine Schmerzen an, du weißt nicht mehr wann, weil du gar nicht mehr einordnen kannst, wann was irgendwie anfängt und niemals wieder aufhört.
Immer Schmerzen, du hörst nur noch Schmerzen, heute geht es, heute morgen ging es, heute mittag wurde es schlimmer...Stellst du mir ein Bier kalt?
Jahrelang. Ärzte spritzen, machen, tun, und tun doch gar nichts. Im Juni die Diagnose: Hüften beide kaputt, warum auch immer, vielleicht wegen der Vorbelastung.
Versteht mich nicht falsch, es tut mir so entsetzlich leid, dass der Mensch, den ich am meisten mag auf dieser Welt, so leiden muss und ich leide darunter, dass ich ihm nicht wirklich helfen kann, aber....
Du leidest auch. Deine Hauptauftraggeber sind inzwischen alle pleite, und nein, es liegt nicht an dir. Die Existenz, die du dir aufgebaut hast und glaubtest erhalten zu können, tot. Du brauchst Energie, wieder von vorne anzufangen. Aber:
Du kannst seit 17 Jahren nicht mehr mit Freunden zusammensitzen, ohne dass vorher das Ende abgesprochen wird. Immer heißt es schon vorher, dann und dann muss aber Schluss sein. Zweimal tickst du abends und haust ab, weil der Mann schläft. Du gehst in eine nahegelegende Institution, wo bisweilen öffentliche Partys stattfinden. Trotz Kleinstadt oder gerade deshalb sind die immer ganz gut, weil man Leute kennt. Was passiert? Mann wird wohl wach, schickt dir plötzlich melancholische Lieder per EMail.
Du wirst nicht gerne als der letzte Dreck bezeichnet, ale jemand, der niemals DA gewesen wäre - oder?
Drei Urlaube werden abgesagt, besonders weh tut dir der, auf den du dich in exakt einem Monat nach XXXXXXXXXXXXXX so gefreut hattest. Aber all das ist nicht das Schlimmste, das Schlimmste ist, dass du mit ALLEM alleine sitzt. Er ist gar nicht mehr da. Hast du vor Wochen noch gejammert, als er sich Bier aufmachte? Nun wärste froh, dann könntest du zumindest mal mit ihm reden. Kinder, Haus, du, all das ist ihm verständlicherweise sogar egal. Nun geht es ausschließlich darum, wie und wann du ihn zur Physio fährst, wie das am besten machbar ist, welche Hilfsmittel es braucht, wann das Rezept vom Arzt geholt werden muss und wann er selber zum Arzt muss. Wenn du telefonierst, was selten vorkommt, bekommst du Zettelchen zugesteckt, was du demnächst aus dem Keller mitbringen könntest. Kondensmilch, Buttermilch, Wasser...Und wenn du sagst, du möchtest mit deiner Tochter in die Stadt laufen, kommt: Macht man ruhig, Ihr könnt das ja zumindest.........
Verzeiht. Aber ich denke, bis zum Schluss hat ohnehin keiner gelesen. Ich bin sicher, dass viele von Euch ähnliche Geschichten haben. Nur, ich muss sie loswerden sonst platze ich bald.
Und es nimmt ja kein Ende. Er kann nicht laufen. Lange nicht. Und wenn, dann kommt die nächste OP- dann alles wieder von vorne. Bis dahin werde ich funktionieren. Hoffentlich.
Trotzalledem geht es mir wieder verhältnismäßig gut, habe meinen Konsum gedrittelt, mit dem Ziel noch weniger! Ob ich jemals zur Abstinenz komme, wage ich allerdings inzwischen zu bezweifeln.
Warum auch.
lg Suse
Baclofen derzeit wieder 37,5 mg, Alkoholeinheiten (ala Bridget Jones) bisher 2 Gläser. Zigaretten, ungezählt.
glG Suse